(con)temporary South Africa

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Ich war für drei Monate Teilnehmer in einem internationalen Atelierprogramm der Bag Factory (angeschlossen an den Triangle Arts Trust) in Johannesburg. Eine Teil der Zeit arbeitete ich als Lehrer für Photografie am Funda College of Art in Soweto. Die meisten Bilder entstanden während der Projekte mit den Studenten. (Con)temporary ist hier gemeint als eine Kombination von temporary (zeitlich begrenzt/vorübergehend) und contemporary (zeitgenössisch). Es bezieht sich auf verschiedene Ebenen meines relativ kurzen Aufenthaltes und mein Foto-Projekt dort. Meine Schwerpunkte in Süd Afrika waren Hawkers (fliegende Händler) und Spaza Shops (improvisierte Verkaufsstände).

 

 

Aage Langhelle - Unter einem postkolonialen Blick
Wahrnehmung ist ein komplexer Vorgang, nicht nur im physiologischen, sondern auch im politischen Sinne. Im Zeitalter des Postkolonialismus aber werden die Wahrnehmungsverhältnisse noch komplexer. Jetzt und hier wird deutlich, dass es keinen unschuldigen Blick mehr gibt. Aber die Frage nach dem schuldigen Blick findet keine einfache Antwort. Denn der postkoloniale Blick schließt ebenso den Kolonisierten ein als auch den Kolonisierer. Wollte man eine einfache Addition vornehmen, so ließe sich von vier unterschiedlichen Perspektiven sprechen: Der des Kolonisierten auf den Kolonisierer und umgekehrt sowie die jeweilige Wendung auf sich selbst. Aber wer diese Perspektiven darstellen wollte, sieht sich einem weiteren Problem gegenüber, denn die Wahrnehmung wird wieder wahrgenommen. Aage Langhelles Arbeit für die Ausstellung ‚rest in space' ist eine Darstellung dieser 
Verhältnisse. Der Künstler hat drei Monate in Südafrika verbracht und dort fotografiert. Als weißer Tourist war er sofort als Fremder zu erkennen, dessen Kamera auch als Drohung empfunden wurde. Aage Langhelle hebt diesen „fotografischen Angriff“ durch die Fotos auf, indem er sie in einer Installation präsentiert. Diese Installation ist die Rekonstruktion einer improvisierten Verkaufsfläche, wie sie in Johannesburg an vielen Stellen stehen. Sie dienen dem Lebensunterhalt der Südafrikaner, die nach dem Ende der Apartheid immer noch unter großer Armut leiden. Die Rekonstruktion dieser Verschläge gibt sich nicht als ein Imitat, sondern wiederum als eine Art Abbildung, welche weitere Abbildungen, die schon genannten Fotos, enthält. Die Holzbalken, die zur Verwendung kommen, weisen noch die tags zur Identifizierung auf und erscheinen frisch und neu. Von einer originalgetreuen Rekonstruktion kann nicht die Rede sein. Schon der Titel der Arbeit‚ (con)temporary' weist daraufhin, denn in ihm wird die Gegenwärtigkeit zu einer Zeitweiligkeit, die jedem Anspruch auf Konservierung widersteht. Das temporäre Moment der Fotografie deckt sich mit dem temporären Moment der Installation, die weiter verweist auf die temporären spazashops in Südafrika selbst. Gleichzeitig aber referiert die Konstruktion des Ortes, der Installation auf die konzeptionelle Konstruktion der Fotografien. Denn der Blick ist nicht unschuldig, aber Aage Langhelle fügt den Bildern Notizen hinzu, um die Situation zu erklären und zu klären. Wahrnehmung im Bild trifft hier auf Wahrnehmung imText, die wieder eingebunden ist in die Wahrnehmung einer Rekonstruktion. In dieser Art bricht sich der Blick an sich selbst und wird reflektiert im doppelten Sinne des Wortes. Vielleicht lernen wir auch unter einem postkolonialen Blick, dass sich die Dinge nicht so einfach verhalten, wie sie uns in den Medien dargestellt werden. George Monbiot schreibt zu Robert Mugabe in der Süddeutschen Zeitung: „Die Regierungen der reichen Welt mögen keine Landreform. Sie erfordert nämlich ein staatliches Eingreifen, was den Gott der freien Märkte beleidigt, und sie stört die Großfarmer sowie die Firmen, die sie beliefern. Nur weil Britannien sich weigerte, ein angemessenes Reformprogramm in Simbabwe zu erlauben oder zu finanzieren, konnte es überhaupt zu den politischen Umständen kommen, die Mugabe nun so skrupellos ausnutzt. Das „Lancaster House Agreement“ übertrug den Staat Simbabwe an die Schwarzen, die Nation aber an die Weißen.“

Thomas Wulffen Thomas Wulffen (geboren 1954), Kunstkritiker und Kurator. Schreibt u.a. für Kunstforum International, war hier Redakteur für einige Sonderthemen. Lebt in Berlin.

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